HomeSuhl in Thüringen: Wie mich die ostdeutsche Stadt verzauberte Suhl in Thüringen: Wie mich die ostdeutsche Stadt verzauberte Simson-Mopeds und Greifzu-Rennwagen: Einst blühte die Wirtschaft in der südthüringischen Stadt. Heute scheint die Gemeinde fast vergessen. Zu Unrecht, meint unser Autor. Ein Essay.Immo von Fallois23.02.2025 09:07 UhrSimson: Ein Stück DDR-Geschichte, das bis heute begeistert.Carla Louise für Berliner Zeitung am WochenendeÜber Suhl leuchtet der Himmel anders. Als ich von der A71 kommend langsam in die thüringische Stadt einfahre, blicke ich verwundert nach oben. Hellgraue Wolken kräuseln sich links und rechts, und in der Mitte, genau über mir, ein wundersames Hell, eine Schneise fast, wolkenlos, die mir den Weg in die kleine Stadt weist.Vor einigen Jahren fragte ich in Berlin einen aus Suhl stammenden Arbeitskollegen: „Deine Stadt ist vom Altersdurchschnitt die älteste Gemeinde in Deutschland. Wie konnte das passieren?“ Die kurze Antwort war Ansporn und Aufforderung zugleich: „Finde es doch selbst heraus.“ Ich vergaß das Thema wieder, aber neulich kramte es sich in meinem Gedächtnis wieder hervor. Wie so oft bekommen alte, längst abgelegte Dinge wieder Bedeutung, als schaute ich in ein Fotoalbum aus vergangenen Zeiten.So machte ich mich auf den Weg. Im Vorfeld halfen Assistenz und Pressestelle des Oberbürgermeisters überaus freundlich bei der Organisation der wichtigen Ansprechpartner aus Politik, Kultur und Wirtschaft. Alles sei vorbereitet, wurde mir beruhigend vergewissert. Man sei regelrecht gespannt auf mein Kommen.Für die CDU in den Bundestag? Wie eine Fleischermeisterin aus Chemnitz-Sonnenberg die AfD besiegen willOstdeutschland18.02.2025Sandra Hüller: „Ich wurde in der DDR geboren, und das wird immer so bleiben“Berlin12.03.2024Die fränkisch geprägte Stadt ist bekannt für kurze Wege. So halte ich nach kurzer Zeit in der Nähe des Rathauses, das mit tiefroter Farbe die Außenwände ziert, Wärme ausstrahlt und über der Tür steht in großen Buchstaben das Geständnis: „Im Grünen Wald die rote Stadt, die ein zerschossen Rathaus hatt.“ Hat mit Doppel T. Das brachten die Suhler nach dem Ersten Weltkrieg an. Während des „Kapp-Putsches“ wurde die Stadt von nationalistischen Truppen besetzt. Die Inschrift erinnert an die brutalen Kämpfe mit den Milizen und deren Vertreibung aus der Gemeinde. Winterurlaubsorte Zella-Mehlis und Oberhof in der Nähe Eine ältere Frau kommt auf mich zu, und wir kommen schnell ins Gespräch. „Viele sind hier nach der Wende gegangen, einige wiedergekommen. Die Mieten sind tief, es ist sehr familiär hier.“ Sie habe sich hier immer wohlgefühlt, „aber die großen Zeiten sind vorbei.“ Ich sehe einen kleinen, fast unscheinbaren Markt vor dem Rathaus; ich finde nach einiger Suche ein Fischbrötchen zum Hungerstillen nach sehr frühem Aufbruch von Potsdam. Im Rathaus angekommen, sehe ich Prospekte, die Suhl bewerben. Darauf sind auch zu sehen die nahegelegenen Winterurlaubsorte Zella-Mehlis und Oberhof. In Oberhof wurde Ende der 60er-Jahre das legendäre Panorama Hotel gebaut, die einstige Vorzeigeherberge der DDR. Hier verbrachte Walter Ulbricht mit Ehefrau Lotte als überzeugter Skiläufer mehrmals seine Winterferien.Oben angekommen, führt mich die Assistentin des Oberbürgermeisters in einen großen Tagungsraum; stolz ist sie, seit 1975, mit einer kurzen Unterbrechung in Franken, dauerhaft in Suhl zu leben. „Ich möchte hier nicht mehr weg.“ An der Wand hängen Bilder vom berühmten Maler der Stadt, dem Expressionisten Alexander Gerbig. Im Sitzungssaal sitzen schon pünktlich vier Stadtkenner, wie freundlich, dass sie sich alle Zeit genommen haben. Ich platziere mich an den großen Tisch gegenüber. Es wirkt zunächst wie eine Tagung zweier Tarifparteien, nur sehr viel entgegenkommender. Trotz Abwanderung noch immer Begegnungsstätte Diana Schneider, die Geschäftsführerin des Suhler Kulturmittelpunkts, dem Congress Center Suhl, hier nur kurz CCS genannt, erzählt von der Tradition und der erfolgreichen Gegenwart der großen Begegnungsstätte. Der berühmte DDR-Architekt Hermann Henselmann gestaltete ab 1952 die damalige Bezirkshauptstadt neu. Sozialistische Umgestaltung nannte man das; ähnliche Ambitionen hatte der Stararchitekt in Brigitte Reimanns Spätwerk „Franziska Linkerhand“, verewigt auch für die Ost-Berliner Stalinallee, der heutigen Frankfurter Allee. Eine Stadthalle entstand in Suhl, die dann in den 90er-Jahren umgebaut und als stadtprägender Kulturkomplex 1995 eingeweiht wurde. Hier fand sogar 2024 das ARD-Silvester-Konzert statt, ein Meilenstein im Marketing der kleinen, stolzen Stadt. Diese hat zwar kein eigenes Theater, aber dafür fährt man in die Nähe nach Meiningen.„Die Allee“: Florentine Anders erlaubt sich eine eigene Sicht auf die Henselmann-FamilieKultur13.02.2025Im Visier von Guck, Horch, Greif: Die renitenteste Künstlergruppe der DDR feiert UrständBerlin11.05.2024Schnell wird mir von den Stadtkennern mit fränkischen Idiomen verdeutlicht, warum Suhl mit einem Altersdurchschnitt von über 50 Jahren einer der ältesten Einwohnerschaften in Deutschland hat. Die einstige DDR-Bezirksstadt hat in den Jahren nach der Wende einen radikalen Wandel vollzogen. Davor profitierte Suhl lange sowohl von der seit Jahrhunderten ansässigen Waffenherstellung als auch durch den Zweiradhersteller Simson. Die sogenannte „Schwalbe“ war ein großer Renner in der DDR, sogar im Westen fuhren viele Tausende das Motorrad. Suhls Wirtschaft boomte während der DDR-Zeit, und die einst kleine Stadt wuchs bis auf knapp 60.000 Einwohner.Mit insgesamt knapp sechs Millionen hergestellten Kleinkrafträdern war Simson lange Zeit der größte Produzent von motorisierten Zweirädern in ganz Deutschland. Von 1992 bis 2002 wurden insgesamt 47.000 Mofas, Kleinkraft- und Leichtkrafträder verkauft. In den 1980er-Jahren betrug der Verkauf – nur zum Vergleich – noch knapp 200.000. Hier arbeitete man, inmitten des Thüringer Waldes, mit den Erholungsgebieten herum, durchaus gerne. Die Zeit schien verlässlich. Jeder hatte seine Zukunft. Und alles hätte immer so weiter gehen mögen. Aber es kam alles anders. 1989 waren es die Suhler, die eifrig und mutig für Meinungsfreiheit demonstrierten. Sie konnten nicht wissen, dass ihnen die Wirtschaft abhandenkommen sollte. Vogtländer Stolz Nach dem intensiven Austausch im Rathaus werde ich zunächst ins Waffen-, dann ins Motorrad-Museum begleitet. Auch hier ist erneut der Vogtländer Stolz zu verspüren, wie ich ihn selten in einer anderen Stadt erlebt habe.Die Suhler wissen, welche Bedeutung und Stärke sie einmal hatten und schöpfen aus dieser Erinnerung Kraft für die Gegenwart. Das Waffenmuseum verdeutlicht, dass die Stadt zu Unrecht von einigen als reine Waffenstadt bezeichnet wird. Hier sind eben nicht nur militärische, sondern auch Jagd- und insbesondere Sportwaffen zu sehen. Man ist stolz auf die einstigen Weltklasse-Biathleten und Südthüringer Frank Luck oder Sven Fischer, deren Originalwaffen hier noch zu sehen sind.Hinüber geht’s ins Fahrzeugmuseum, wo ich bereits erwartet werde. Seit Mai 2007 bestaunen Besucher auf 1400 Quadratmetern Ausstellungsfläche über 260 Modelle aus allen Bereichen des Fahrzeugbaus: Fahrräder, Mopeds, Motorräder und sogar Rennwagen. Der besondere Hingucker nimmt der einst erfolgreiche Suhler Motorsport ein: die Simson-Motorräder sowie der legendäre „Greifzu-Rennwagen“. So verwundert es wenig, dass seit 2016 jeden Juli am Heimatort des Fahrzeugbaus ein Simson-Treff mit über 6000 Fans aus ganz Deutschland stattfindet. Hier kommt tatsächlich zusammen, was zusammengehört. Der Oberbürgermeister betont: „Wir sind das gallische Dorf“ Nun ist es aber Zeit, den Oberbürgermeister der Stadt aufzusuchen. André Knapp (CDU) ist seit 2018 Oberhaupt von Suhl und empfängt mich in seinem großen Büro. Mein erster Eindruck: Was für eine Ruhe, wohltuend, das Fenster ist leicht geöffnet und trotzdem Stille. Knapp ist ein eher zurückhaltender Mann mit großer Brille und freundlichem Lächeln. Alles an ihm drückt Gelassenheit aus.Er kommt schnell zum Punkt: „Wir haben den höchsten Ausländeranteil in Thüringen“. Das Thema Geflüchteten-Aufnahme bereitet offensichtlich auch in seiner Gemeinde Kopfschmerzen, und manchmal fühlte man sich hier in Suhl von der einstigen Erfurter Landesregierung im Stich gelassen. „Aber wir sind das gallische Dorf. Wir packen das.“ Man wisse, so skizziert der Oberbürgermeister schonungslos und klar, dass die Großindustrie nicht mehr zurückkomme. Seine kleine Stadt habe immerhin über 6000 Arbeitsplätze und damit viele Familien verloren. So lebe man tapfer im Hier und Jetzt, mit dem Blick in die Zukunft. „Wir konzentrieren uns auf die mittelständische Industrie. Das ist unsere DNA. Darauf bauen wir.“ Er ist optimistisch, dass seine Stadt viele Touristen anlockt, denn nicht nur sie, sondern gerade auch das Umfeld sind sehr attraktiv.Grüne sehen kein Problem in ihrer Abstimmung mit Höcke-AfD: Kritik sei „Ablenkungsmanöver“Ostdeutschland04.02.2025CDU-Politiker will Flüchtlinge für 80 Cent pro Stunde arbeiten lassen – zieht Berlin nach?Berlin28.02.2024Knapp, der im örtlichen Finanzwesen Karriere machte, war Leiter der Immobilienabteilung der Rhön-Rennsteig-Sparkasse. Er ist ein nüchterner Beobachter und Entscheider, ein Pragmatiker. Auch mit der AfD muss er zusammenarbeiten, kennt viele aus der Partei. Das kann in der kleinen Stadt auch nicht anders sein. Er zeigt auf eine große Zukunftsskizze hinter mir, die beinahe die ganze Wand füllt. Sie beschreibt das Suhler Realisierungskonzept 2040. Man strebe mit den Nachbargemeinden ein Robotik-, KI- und Holzkompetenzzentrum an, um die Stadt ohne Hochschule noch attraktiver zu machen und vor allen Dingen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Knapp fasst zusammen: „Wir müssen unsere lokalen Stärken stärken.“ Abends in Suhl Bei der Verabschiedung schlägt er mir das Gambrinus für das Abendessen vor, eine gemütliche alte Suhler Kneipe. Es gäbe da noch vernünftige Preise, man müsse aber reservieren. Wo ich denn wohne? Ach, der Goldene Hirsch. „Eine sehr gute Wahl.“ Ich denke: In welcher deutschen Stadt wird man eigentlich so rundherum betreut?Abends im Gambrinus trinke ich Köstritzer Pils, mir wird die Sülze mit Bratkartoffeln empfohlen. Es ist ein Ort, wo sich die Einheimischen treffen. Diese reden laut, sind unter sich, aber ich fühle mich nicht fremd. Als ich später im Goldenen Hirsch eintreffe, bin ich noch unruhig von den vielen Eindrücken des Tages. Ich versuche in der wiederentdeckten Erzählung von Brigitte Reimann „Die Geschwister“ zu lesen. Aber auch jetzt komme ich nicht in einen Ruhezustand, daher lege das Buch weg. So gehe ich noch einige Straßen ab, überall ist Stille. Es scheint, als ob die ganze Stadt zu Bett gegangen sei. Dann kehre ich um und finde endlich in den Schlaf.Morgens fahre ich langsam aus der vergessenen Stadt, die ich nicht mehr vergessen werde. Gerne möchte ich hierher zurückkehren, diesmal aber lieber mit der eigenen Familie, sodass man sich austauschen kann. Und dann, es sollte wohl nicht anders sein, sehe wieder nach oben, wie bei der gestrigen Ankunft. Und wieder kann ich es kaum glauben: Die Wolken teilen sich. Sie öffnen sich für einen blauen Himmel, einen kleinen Spalt, als führe er mich wohlbehalten aus der Stadt.Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de